- Die Wirklichkeit ist ein Elefant
- Gemeinsam konstruierte Wirklichkeit
- Unternehmenskultur als Destillat von Weltsicht
- Organisationsentwicklung braucht eine geänderte Weltsicht
Die Wirklichkeit ist ein Elefant
Kennen Sie die Geschichte von den Blinden, die beauftragt werden, einen Elefanten zu beschreiben? Je nachdem, wo sie stehen, nehmen sie andere Teile von dem Tier wahr und kommen daher zu ganz anderen Ergebnissen. So denkt der eine, dass der Elefant wie eine Wand ist, da er an dessen Bauch steht. Der andere wiederum beschreibt den Elefanten wie ein Speer, da er einen Eckzahn abtastet. Der Dritte findet eher, dass eine Elefant einer Schlange gleicht, da er gerade den Rüssel anlangt usw. Was fehlt, ist ein Gesamtbild.

Für mich ist das ein gutes Bild dafür, wie wir die Wirklichkeit wahrnehmen: fragmentiert, eingeschränkt und jeder von einer anderen Position aus. Vielleicht mag es tatsächlich eine objektive Wirklichkeit geben, aber dadurch, dass wir Wirklichkeit über unsere konkreten Sinne wahrnehmen, mit eigenen Erfahrungen kombinieren und in einer konkreten Sprache beschreiben, entwickeln wir jeweils ein anderes Verständnis von der Welt. Wir „konstruieren“ quasi ein stückweit unsere eigene Wirklichkeit.
Gemeinsam konstruierte Wirklichkeit
Es gibt philosophische Richtungen, die besagen, dass uns das zu sehr einsamen Wesen macht, weil jede:r für sich in einer eigenen Wirklichkeitsblase lebt. Das denke ich nicht, denn auch wenn wir sehr individuell die Reize der Wirklichkeit aufnehmen, heißt das nicht, dass wir sie auch ganz alleine verarbeiten. Vielmehr sind wir zugleich auch sehr gemeinschaftliche Wesen. Und so tauschen wir unsere Erkenntnisse über die Welt gerne mit anderen aus, bzw. gleichen sie mit deren Erfahrungen ab.
Und so werden die Blinden kooperativ schon ein deutlich ganzheitlicheres Bild erarbeiten können, wie ein Elefant aussieht, als jede:r für sich. Dies ist der soziale Anteil des Konstruktivismus, der auch in einem Unternehmen stark zum Tragen kommt. Das heißt, man schafft zusammen ein gemeinsames Verständnis davon, was man vor sich hat, indem man darüber spricht, wie man zusammenarbeitet etc. Man einigt sich über das Miteinander-Reden darauf, was die Realität ausmacht.
Wie man z.B. Besprechungen durchführt, ob es zielführender ist, sich gegenseitig zu Duzen oder nicht, wer was auf welcher Hierarchie-Ebene entscheiden darf, sind dann Ausdruck davon, welche Bedeutung man diesen Dingen in der unternehmenseigenen Realität zugesprochen hat. Ob man damit alles abgedeckt hat oder das, was man entwickelt hat, der objektiven Wirklichkeit entspricht, wird die Gruppe nicht abschließend entscheiden können. Das ist aber auch nicht wichtig. Wichtig ist vor allem, dass frau ein funktionierendes Modell von Welt erarbeitet hat, das ermöglicht, gut zusammenzuarbeiten.
Unternehmenskultur als Destillat von Weltsicht
Eine solche Arbeitswirklichkeit bekommt über die Zeit ein eigenes Leben. Irgendwann werden gar nicht mehr diejenigen Menschen in einem Unternehmen zu finden sein, die die ursprüngliche Weltsicht geprägt haben. Und trotzdem werden weiterhin viele Beschreibungen von Zusammenhängen als gegeben hingenommen werden, die diese eingebracht haben. Viele der Erklärungen für die konstruierte Wirklichkeit wandern in das Unterbewusste. „Das ist halt so, das haben wir schon immer so gemacht“, ist dann die klassiche Reaktion, wenn das von Außenstehenden hinterfragt wird. Eine scheinbar unhinterfragbare Allgemeinweisheit.
Das heißt, man muss sich im systemischen Kontext im Klaren darüber sein, dass man auf ein konkretes Weltverständnis stößt, das nicht ohne Weiteres verständlich ist, erklärt oder gar geändert werden kann. Einfach zu behaupten, dass man sich in einem Umfeld der Siez-Kultur ab sofort duzt, bloß weil man dann besser zusammenarbeiten würde, passt nicht zu dem, wie man bisher gute Zusammenarbeit verstanden hat. Duzen war nicht Teil des bisherigen Interpretationsrahmens und wird daher als nicht angemessen wahrgenommen. Dass andere Unternehmen damit gute Erfahrungen gemacht haben, wird nur begrenzt als Argument helfen, da man sich ja als System eine eigene Sicht auf die Welt gegeben hat. Hier eine Änderung in den Überzeugungen zu schaffen, kann nur Stück für Stück über neue Erfahrungen gelingen und muss entsprechend gut in Kommunikation eingebettet werden.
Organisationsentwicklung braucht eine geänderte Weltsicht
Gute Organisationsentwicklung knüpft an diese Erkenntnisse an. Denn das heißt zum einen, dass man Unternehmenskultur erst einmal explizit machen muss. Welches Verständnis von Wirklichkeit steckt dahinter, wenn Versuche, mehr Kollegialität zu etablieren, daran scheitern, dass sich das Kollegium weigert, von der Siez-Kultur abzurücken? Was sind die Ängste dahinter? Welche Regeln ihrer Realität sehen sie dabei in Frage gestellt?
Fragen nach der Qualität der Arbeit und was sich daran verändern würde, wenn man neue Arbeitsweisen ausprobiert, sind eine guter Einstieg, um genau über diese Weltsicht zu sprechen. Am Ende wollen – das zumindest meine Grundüberzeugung – alle vor allem, dass gut und ohne Reibung zusammengearbeitet wird und die Ergebnisse stimmen. Vielen ist dabei nicht bewusst, dass diese Fragen auch in den Kern der eigenen Überzeugungen vordringen, wie Welt funktioniert. Das explizit zu machen, ist ein guter Startpunkt!
Zum anderen gilt es, Reden über Realität mit neuen Erkenntnissen aus der Umwelt anzureichern. Wenn sich etwas verändern soll, muss man anregen, über das eigenen Weltverständnis so zu sprechen, dass klar wird, was womöglich anders als früher ist. Man muss die Organisation dafür gewinnen, neue Erfahrungen zu machen und ausreichend darüber zu sprechen, damit sich die neue Erkenntnis auch kollektiv durchsetzen kann.
D.h. es gilt, dafür zu sorgen, dass genug Kommunikation innerhalb und idealerweise auch mit Außenstehenden geschieht. Das kostet Zeit. Umgekehrt muss aber gesagt werden: nimmt man sich diese Zeit nicht, arbeitet man gegen die Unternehmenskultur. Die Leute werden große Widerstände gegen Veränderungen zeigen, da diese (vermeintlich) gemäß dem vorhandenen Wirklichkeitsverständnis gar nicht funktionieren können. Wird dieser Punkt nicht bearbeitet, werden die Menschen nicht bereit sein, sich auf den Weg zu machen.

