Foto: Randy Robertson – CC BY 2.0
- Unternehmenskultur ist nichts anders als die großen und kleinen Geschichten über die Zusammenarbeit
- Auch Veränderungen brauchen glaubhafte Geschichten
- Veränderungsbedarf als Heldenreise
- Bringt also mehr Romantik ins Unternehmen!
Sagt Ihnen der Name Anna Sorokin was? Sie begegnete mir in einer Netflix-Serie (https://www.netflix.com/de/title/81008305). Anna Sorokin ist eine inzwischen verurteilte Hochstaplerin, die allein mit ihrem Auftreten und Erzählungen die New Yorker High Society so davon überzeugt hatte, eine der Ihren zu sein, dass sie über Jahre bei ihnen und auf ihre Kosten ein- und ausgehen konnte. Vor allem mit ihrem vermeintlichen Vorhaben, eine Kunststiftung (die natürlich ihren Namen tragen sollte) gründen zu wollen, konnte sie zwischen 2013 und 2017 mit Hilfe von möglichen Spender:innen, Finanzunternehmen und Anwält:innen sehr erfolgreich einen großartigen Lebensstil finanzieren, der einen neidisch werden lässt. Am Ende ist ihr Lügengebäude zwar zusammengebrochen und sie wurde zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt (mehr dazu hier). Aber alles in allem zeigt es sehr schön, wie weit man kommen kann, wenn man überzeugende Geschichten erzählen kann.
Warum erzähle ich das hier? Weil ein solcher Erfolg nicht nur eine einzelne Person haben kann, sondern auch ganze Unternehmen davon leben, gute Geschichten erzählen zu können. Und zwar sowohl ihren Kund:innen gegenüber als auch für die Mitarbeitenden. Das verwundert auch nicht, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass Erzählungen für uns Menschen essentiell sind. Es gibt sie von Anbeginn, wie die Malereien in Höhlen genauso belegen wie die Bibel. Sie strukturieren unsere Erlebnisse und Erfahrungen, geben ihnen Sinn, stellen die Verbindung zwischen Gestern, Heute und einem möglichen Morgen her. Sie liefern Erklärungen, aber auch Handlungsanleitungen. Wir können nicht ohne Geschichten sein. Wenn wir keine erzählt bekommen, erfinden wir einfach eine. Wir ertragen es faktisch gar nicht, wenn Dinge nicht in eine Rahmenhandlung eingebunden werden können. Das gilt auch in einer Organisation.
Unternehmenskultur ist nichts anders als die großen und kleinen Geschichten über die Zusammenarbeit
Schon im Kleinen wird in Unternehmen an einer kohärenten Erzählung gearbeitet. So ist z.B. ein typischer Ausdruck bei einem cholerischen Chef, dass seine Laune davon abhänge, was er zum Frühstück gegessen habe. Das ist bereits eine kleine Geschichte, die eine Erklärung liefern soll, warum sein Verhalten in der Arbeit nicht vorhersagbar ist. Es gibt einen „Rahmen“, einen Grund, für etwas, was nicht offensichtlich logisch erscheint. Dabei ist es unerheblich, ob das Erzählte tatsächlich der Wahrheit entspricht. Wichtig ist nur, dass es Unerklärliches nutzbar begründet.
Im größeren Kontext bekommen diese kleinen Geschichte dazu noch einen größeren Rahmen. Dazu gehört eigentlich alles, was es an “offizieller” Unternehmenskommunikation gibt. Das beginnt mit dem Logo, das ein bestimmtes Gefühl transportieren soll, oder mit „offiziellen“ Aussagen, wie z.B. die Vision eines Unternehmens. Mindestens genauso wirkungsvoll sind Erläuterungen von Führungskräften, die erklären, „wie und warum wir bestimmte Dinge so und nicht anders machen“. Mit all diesen kommunikativen Möglichkeiten wird das Wissen der Organisation und die gemeinsamen Überzeugungen mit Zusammenhang versehen und bildlich geprägt. Ist die Geschichte plausibel erzählt, erhalten die Menschen einen Handlungsrahmen, der ihnen erlaubt, bei erneutem Auftreten des Phänomens das Erlebte einzuordnen, es irritiert sie nicht mehr. In einer Organisation bedeutet das, dass sich die Geschichten verfestigen und zu einer vermeintlich gemeinsamen Realität werden, die auch unabhängig von den konkreten Mitarbeitenden existieren kann. So etwas wie eine gemeinsame Unternehmenskultur ist entstanden.
Auch Veränderungen brauchen glaubhafte Geschichten
Will man Veränderungen innerhalb einer Organisation schaffen, sollte man einerseits die bestehende Erzählung berücksichtigen und andererseits kann man diese anthropologische Grundausrichtung auch für sich nutzen. Die Idee ist, über eine „gute“ Geschichte emotionale Stabilität und Beherrschbarkeit zu generieren, um sicherzustellen, dass die Menschen bereit dafür sind, auch an sich zu arbeiten oder Unterstützer zu finden für anstehende Herausforderungen. Was das bewirken kann, lässt sich gut an der Geschichte von Biontech in der Covid-Pandemie zeigen. Das Unternehmen ist eigentlich gegründet worden, um neue Wege in der Krebstherapie zu gehen. Als plötzlich Covid die ganze Welt überrollte, haben die Firmengründer:innen kurzerhand ihre ganzen Forschungsressourcen in die Entwicklung eines geeigneten Impfstoffs gesteckt. Sie erzählten nicht nur ihren Mitarbeitenden glaubhaft, dass sie das Know-how, das sie sowieso im Haus haben, dafür nutzen konnten, sondern haben auch die Öffentlichkeit und vor allem die Politik davon überzeugt, dass es sich lohnt, ihr Unterfangen mit den nötigen Finanzmitteln zu unterstützen – erfolgreich!
Veränderungsbedarf als Heldenreise
Christine Erlach, Michael Müller (2020) empfehlen, sich gerade bei Veränderungsvorhaben ein Narrativ zu geben, das an ein archaisches Erzählmuster anschließt, da dies universal anschlussfähig und intuitiv verstanden werden kann. Grob heißt dass, eine Geschichte erzählen zu können, die sich daran anknüpft, was man bisher geleistet hat, aufzeigt, was die neuen Herausforderungen sind (also, welche “Drachen” zu bekämpfen sind) , sich auf die eigenen Stärken zu besinnen und an den Gemeinschaftssinn zu appellieren, um gemeinsame das neue Ziel (den “Schatz”) zu erreichen.
Eine solche Erzählung erscheint erst einmal altmodisch, aber lässt sich durchaus auf moderne Firmenmythen übertragen. Als Beispiel kann hier die Geschichte von Steve Jobs erzählt werden, die mit ihm und Steve Wozniak in einer Garage startete und mit dem Applekonzern mit einer weltweiten Marktführerschaft endete. Dazwischen lagen viele Auf und Abs für ihn und seine Firma. Nicht alle Produkte waren ein Erfolg und zwischenzeitlich wurde Jobs sogar aus der Firma gedrängt. Es gab also Drachen und vielleicht auch ablenkende Ritterfräuleins, die versucht haben, ihn von seinem Ziel abzubringen. Aber sein zäher Glaube an seine Visionen hat ihn an seinem Weg festhalten lassen und trägt bis heute dazu bei, dass diese Marke weltweit großes Ansehen genießt.
Bringt also mehr Romantik ins Unternehmen!
Organisationsentwicklungsprojekte sind objektiv betrachtet keine sehr romantischen Unternehmungen. Vielmehr geht es um Optimierungs- oder Expansionspotenzial und harte Zahlen. Dennoch soll dieser Beitrag als ein kleines Plädoyer verstanden werden, um ein wenig Romantik und Fantasie zu ermöglichen. Damit kann ein durchaus mit Angst erfülltes Unterfangen aufregend genug erscheinen, um sich freiwillig auf die Reise zu begeben. Die Heldenreise als Erzählformat bietet ein gutes Gerüst dafür: es erzählt eine Gewinnerstory, die aber genug Offenheit besitzt, bisher Gelerntes einzusetzen, um eine noch nicht klar zu benennende Herausforderung offensiv anzugehen. Das jeweils Eigene wird gewürdigt und zugleich gemeinsam mit den anderen Kolleg:innen weiterentwickelt. Eine neue, gemeinsame Unternehmenskultur kann entstehen, ohne dass man seine Vergangenheit dafür leugnen müsste. Auch das stärkt die Resilienz.
Abschließend soll noch darauf hingewiesen werden, dass eine solche Heldenreise – wenn sie denn erfolgreich war – am Ende bei neuen Herausforderungen, die bestimmt auf die Firma warten, gute Voraussetzungen für die Zukunft geschaffen hat. Denn das Unternehmen hat ja schon einmal gezeigt, dass es mutig genug war, sich auf die Reise zu begeben. Sie wird das auch bei neuen „Drachenkämpfen“ schaffen. Damit lässt sich nahtlos an gemacht Erfahrungen anschließen und neues Erzählelement einbauen.


Kommentar verfassen